Der Fotograf Günter Zint

 

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Über drei Millionen Mal hat er auf den Auslöser gedrückt. Die alte Fotografen-Tugend „Ran ans Motiv“ nimmt Günter Zint immer wörtlich. So entstanden seine Fotos von den Straßenkämpfen der Pariser Studenten im Mai 1968 oder von der mutigen Aktion der unerschrockenen Greenpeace-Aktivistin Monika Griefahn im Kampf gegen die Giftmüllverklappung in der Nordsee – oder von einer Band namens THE BEATLES, deren Musik dem ebenso verqualmten wie legendären Hamburger STAR-CLUB unvergessliche Nächte und einer ganzen Generation einen neuen Sound bescherte. Seine Fotos sind Dokumente der Zeitgeschichte, die heute in vielen Museen ausgestellt werden.

Doch Zint-Bilder sind mehr: Seine Schwarzweißfotos sind für eine ganze Generation Ikonen des Aufbruchs geworden, die auch 40 Jahre nachdem sie das Wasserbad im Labor verlassen haben, nichts von ihrer Faszination verloren haben. Seit Februar wandert eine Ausstellung „30Jahre Widerstand“ durchs Wendland. Im Mai 2007 gibt es eine Ausstellung mit den bekanntesten Zintfotos im „Haus der Geschichte“ in Bonn und im August 2007 wird es im „Vonderau Museum“ in Fulda eine Werkschau der Zint-Fotos geben. Im War Memorial Museum in Seoul (Südkorea) lief von Januar bis März 2007 eine Ausstellung „The many Faces of John Lennon“ Die Ausstellungen werden von Fotokatalogen begleitet.

 „Ran ans Motiv“ – das heißt für Günter Zint auch: Sich einmischen in die Zeitläufe. Die kritisch-leidenschaftslose Distanz des Reporters oder der Ästhetizismus des Schöngeistes sind seine Sache nicht. Dieser Mann hat einen Standpunkt. Das hat ihm mehr als einmal Ärger mit der Staatsmacht eingebracht, die ihn wegen seiner fotografischen Neugier nicht selten aus dem Verkehr zog, auch schon mal verprügelte oder gleich ins Gefängnis steckte – Hausdurchsuchung inbegriffen. „Ich sehe mich eher als Dokumentarist“, sagt Zint, der sich gerne kokett und bescheiden auch schon mal als „Gebrauchsfotograf“ bezeichnet. „Wenn man mein Foto erkennt, weil es manieriert etwa mit einem Superweitwinkel aufgenommen ist, dann steht das Stilmittel über der Realität. Das ist nicht meine Welt.“ Zint war und ist der Inhalt immer wichtiger als die Form. Mit dem Auslöser drückte er immer auf die offenen Wunden einer Gesellschaft. Fotos von prügelnden Polizisten, Steine werfenden Demonstranten, Panzerwagen in Brokdorf, Wackersdorf oder in der Hamburger Hafenstraße sind in seinem Archiv zu Tausenden. Wo immer die Widersprüche einer Gesellschaft hart aufeinander prallen, blickte er durch das kritische und unbestechliche Auge seiner Kamera, das ihm schon in jungen Jahren den Ruf eines engagierten Fotografen eingebracht hat. Engagement heißt für Zint auch der Einsatz für seine Berufskollegen – mit oder ohne Gewerkschaft. Heute kämpft er vor allem dafür, dass im Internetzeitalter das Urheberrecht nicht vor die Hunde geht.

 Brennende Mülldeponien, Umweltprobleme oder antifaschistische Aktionen haben Günter Zint mehr herausgefordert als die einträglichen Verlockungen der Werbefotoindustrie. Auch seine auf den ersten Blick unspektakulären Fotos sind Stilleben der besonderen Art: Die Fixerin in Amsterdam, der sterbende Vogel in der Ölpest der Bretagne oder der Penner auf dem Kiez haben mit dem Voyeurismus der Sensationspresse nichts gemein. Und von den fotografischen Mätzchen in den Hochglanzmagazinen hält Zint nicht viel. „Ich will die Realität zeigen.“ Günter Zint gilt als der Dokumentarist der deutschen Beat-Szene, des Studentenprotests sowie der Anti-Atomkraftbewegung, der Ökologiebewegungen und der Friedensbewegung. Er hat sich mit vielen Büchern zu den Jugend- und Protestbewegungen einen Namen gemacht. So arbeitet Zint seit mehr als vier Jahrzehnten mit dem Schriftsteller Günter Wallraff zusammen, dessen erfolgreichste Bücher „Der Aufmacher“ und „Ganz unten“ er illustriert hat.

 Ein Querdenker war der am 27. Juni 1941 geborene Zint schon während seiner Jugend in Fulda, als er 1958 die Realschule verließ und als Volontär bei der Deutschen Presseagentur in Frankfurt, Berlin und München anfing. „Mein erstes Foto hat übrigens die Fuldaer Zeitung 1954 gedruckt“, erinnert sich Zint. Für das Motiv, ein Dackel und eine Ente, die aus dem gleichen Napf fressen, gab es fünf Mark Honorar. „Somit war meine Karriere beim Parzeller-Verlag vorgezeichnet“, urteilt der 66-Jährige, der dem Verlag auch weiter verbunden blieb, da mehrere seiner Bücher hier gedruckt wurden. „Flußlauf“ befasst sich etwa mit den Veränderungen der Landschaft entlang der Fulda, hervorgerufen durch die DB-Neubaustrecke Hannover-Würzburg.

 

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Der Ausbildung zum Bildjournalisten und Redakteur folgten Reportertätigkeiten bei „Quick“ und „Twen“, ehe Zint als freier Fotograf in Schweden und England arbeitete. Schwerpunktmäßig galt sein berufliches Interesse der Musikszene in London, Berlin und Hamburg. 1964 gründete er die Agentur Pan-Foto in der Hansestadt. Seit STAR-CLUB Gründer Manfred Weissleder verkündet hatte: „Die Not hat ein Ende! Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei“, war Zint Stammgast in der Großen Freiheit 39 und skizzierte mit seiner Kamera den Alltag im damals wohl „berühmtesten Beat-Club der Welt“. Es entstanden Fotoreportagen mit den Großen der „Swinging Sixties“: Und das waren nicht nur die Beatles, auch Jimi Hendrix, die Doors oder Frank Zappa blickten in das Objektiv der Kamera von Günter Zint. Noch heute beteuert Paul McCartney, dass der Star-Club die „härteste und beste Schule gewesen ist“, sagt Zint, der damals für den Bauer Verlag, die Zeitschrift OK, den Beat-Club und verschiedene Schallplattenfirmen fotografierte. „Ich mietete im Eingangsbereich zwei Schaukästen und bot die Musikerfotos zum Verkauf an. Ein Bild kostete damals drei Mark.“ Die Qualität seiner Arbeit sprach sich herum, so dass immer mehr Plattenfirmen und PR-Agenturen seine Dienste in Anspruch nahmen. Parallel zum Ende des STAR-CLUBS 1969 machte sich Zint selbstständig, nachdem er zuvor auch für den „Spiegel“ gearbeitet und die „St. Pauli Nachrichten“ gegründet hatte, die unter seiner Ägide zu einer erfolgreichen linken Boulevardzeitung mit Millionen-Auflage wurden. 1971 besann sich Zint aber wieder auf seine Reportertätigkeit und verkaufte die Zeitschrift an seinen Teilhaber Helmut Rosenberg, unter dem sie zur reinen Sexpostille mutierte.

ZintStudioIm Laufe der Jahre wurde dem Kiez-Bewohner Günter Zint Hamburg immer vertrauter. Als er 1982 sein Bilderbuch „Die weiße Taube flog für immer davon…“ vorstellte, wunderte sich der Fotograf darüber, dass ein weltberühmter Stadtteil wie St. Pauli weder eine Geschichtswerkstatt noch ein Museum besaß. Als ein Jahr später der ehemalige STAR-CLUB ausbrannte, versuchte Zint in dieser Brandruine seinen Traum vom „St. Pauli Museum“ zu realisieren. Doch es dauerte bis 1991, dass daraus Wirklichkeit wurde. Pünktlich zum 100. Geburtstag von Hans Albers eröffnete das Museum mit einem dreitägigen Festprogramm. Zwei Tage zuvor hatten sich Paul und Linda McCartney das Museum angesehen und vor der Instrumentensammlung des STARCLUB von alten Zeiten geträumt.

Nach wechselhaften Jahren wollte Zint 2004 den Traum vom Museum aufgeben, doch dann geschah das kleine Wunder: Die Kulturbehörde gewährte 2005 doch noch eine Förderung und gliedert die Einrichtung für eine Übergangszeit dem „Museum für Hamburgische Geschichte“ an. Am 26. August 2005 wurde mit viel Prominenz das Museum am neuen Standort in der Hein-Hoyer-Straße 56 wieder eröffnet.

 1999 zog Günter Zint, der Vater von fünf Kindern ist, mit seinem riesigen Archiv und seiner Familie auf einen Bauernhof zwischen Hamburg und Bremen. Als „Rentner“ im Unruhestand wird der umtriebige Fotojournalist mit vielen Ehrungen überhäuft. Ein reicher Mäzen, der nicht genannt sein will, wird die Digitalisierung des gesamten Fotobestandes finanzieren – und sein ST. PAULI MUSEUM ist für die nächste Zeit durch eine Förderung diverser Mäzene und Spender gesichert. Dass Zint sich deshalb eine „Auszeit“ gönnt, um sich in der Idylle des 400-Seelen-Ortes Fahrendorf im Teufelsmoor, in der Nähe von Worpswede, von seinem turbulenten Fotografenleben zu entspannen, das bezweifeln seine Kinder, Freunde und Mitarbeiter.